Im Zuge der Diskussion um moderne Trainingsmetriken taucht manchmal die Frage auf, warum Tredict kein W' (sprich W-Prime) berechnet, obwohl andere Plattformen wie TrainingPeaks und WKO5 oder Intervals.icu das Konzept anbieten. Die Antwort ist nicht, dass uns das Konzept entgangen wäre. Wir haben es uns angesehen und bewusst entschieden, es nicht in dieser Form anzubieten.
Was W' überhaupt ist
W' beschreibt die anaerobe Arbeitskapazität, also die Energiemenge in Kilojoule, die ein Athlet oberhalb seiner Dauerleistungsgrenze abrufen kann, bevor er erschöpft ist. Diese Grenze heißt Critical Power. Das ist die Leistung, bei der der Stoffwechsel gerade noch im Gleichgewicht bleibt. Ein Radsportler mit CP 250 W kann bei 240 W stundenlang fahren. Bei 260 W läuft die Uhr, nach 20 bis 30 Minuten ist Schluss. Alles oberhalb von CP kostet aus einem begrenzten anaeroben Vorrat. In Verbindung mit dem Critical-Power-Modell ergibt sich aus diesem Vorrat eine Live-Größe namens W'-Balance, die diesen während eines Workouts in Echtzeit modelliert.
Klingt elegant, ist es theoretisch auch. In der Praxis hat das Konzept aber Probleme, die in der allgemeinen Diskussion um W-Prime selten erwähnt werden.
In GoldenCheetah sieht man W-Prime, die obere lila Kurve, an einem in Tredict geplanten Intervall-Training. Die Aktiv-Abschnitte befinden sich sichtlich oberhalb von 120% der Critical Power.
Problem 1: Der praktische Nutzen ist begrenzt
W' ist ein konzeptionell elegantes, aber praktisch eng begrenztes Werkzeug. Es hilft nur in Situationen, in denen ein Athlet wiederholt und gezielt über seine Critical Power hinausgeht und dabei die anaerobe Reserve verwaltet wie ein Akku-Budget.
Im Radsport betrifft das vor allem Disziplinen mit wiederholten Intensitätswechseln über CP, also bspw. Bahnradsport oder Verfolgungsrennen. Im Laufsport entsprechend Bahn-Mittelstrecke, also 800 m bis 3000 m, und mit Abstrichen 5K, wo W' zwar theoretisch relevant aber nicht wirklich taktisch verwaltbar ist. In diesen Disziplinen beträgt der anaerobe Anteil tatsächlich 15 bis 30%, der Athlet bewegt sich gewollt über CP, und ein gutes W'-Management entscheidet über bspw. die letzten 200 m. Hier kann eine optimale W'-Verteilung theoretisch 1 bis 2% Leistung herausholen.
Der Aufwand für eine korrekte Berechnung ist allerdings beträchtlich. Regelmäßige Maximalefforts in mehreren Dauerbereichen zur Modell-Pflege, jährlich mehrfach wiederholt. Ein Powermeter für Lauf oder Rad, kalibriert und konsistent. Ein Athlet, der die Konzepte verstanden hat und sie taktisch im Rennen anwenden kann. Plus ein Trainings-Setup, das diese Diagnostik unterstützt. Diesen Aufwand betreiben Olympia-Anwärter, Welt-Cup-Bahnradsportler und gut betreute Lizenzfahrer. Bei einer Welt-Elite-Eliminator im Bahn-Sprint sind die 1 bis 2% Goldmedaille gegen Platz 4. Bei der lokalen Mittelstreckler-Meisterschaft sind sie statistisches Rauschen gegenüber Tagesform, Schlaf und Streckenbedingungen.
Für die typische Tredict-Zielgruppe sieht das anders aus. Auch mit einem Running-Power-Meter wie Stryd. Bei 5 km wird zwar tatsächlich knapp über Critical Power gelaufen, etwa bei 103 bis 105% CP, aber der Effort ist über die gesamte Distanz weitgehend konstant. Es gibt keine taktischen Phasen, in denen W' gezielt eingesetzt und wieder aufgeladen wird, sondern einen einzigen Slow-Burn über die Renndauer. W' ist in diesem Sinne bei 5 km also relevant, aber als ein-dimensionale Größe, nicht als verwaltbares Budget. Bei 10 km, Halbmarathon, Marathon und Triathlon-Langdistanz liegt das Renntempo unter CP, der Tank bleibt voll, W' ist gar nicht limitierend. Bei Trail- und Berglauf könnte man argumentieren, dass steile Anstiege W' anknabbern, aber die etablierte Pacing-Empfehlung dort ist gerade nicht, die anaerobe Reserve gezielt einzusetzen, sondern Anstiege langsam genug zu nehmen, um aerob zu bleiben.
Es ist außerdem bemerkenswert, wie Stryd, der etablierteste Running-Power-Meter, mit dem Konzept umgeht. Stryd zentriert seine offizielle Software vollständig um Critical Power. Eine klassische W'- oder D'-Anzeige als Punkt-Schätzer für die anaerobe Arbeitskapazität gibt es im PowerCenter nicht. Was es gibt, sind verwandte Größen wie "Muscle Power" (Peak-Power über 10 Sekunden) oder ein "Fatigue Factor" im Race Power Calculator, der die Steigung der Power-Duration-Kurve charakterisiert. Diese Größen sind konzeptionell ähnlich, aber bewusst anders verpackt. Die klassische W'-Akku-Logik, wie sie in WKO5 oder Intervals.icu vorhanden ist, hat Stryd nicht übernommen, obwohl die Datenbasis da wäre.
Bleibt eine schmale Anwendungsdomäne aus Bahn-Mittelstreckern, Bahnradsportlern und ambitionierten Cyclocross-Fahrern. Eine Gruppe, die unter den Ausdauersportlern und Trainern, die Tredict nutzen, selten vorkommt.
Man könnte einwenden, dass W' auch im Training nützlich ist, etwa um Intervalle gegen ein definiertes anaerobes Budget zu dosieren oder die anaerobe Kapazität als eigenen Trend getrennt von der CP zu verfolgen. Das stimmt im Grundsatz, doch diese Anwendung stützt sich auf genau dasselbe Modell. Sie erbt die unten beschriebenen Mess- und Stabilitätsprobleme, sodass der praktische Nutzen deutlich gröber ausfällt, als eine präzise Kilojoule-Zahl vermuten lässt.
Die nächsten drei Probleme erklären, warum auch innerhalb dieser kleinen Zielgruppe der Wert oft nicht so trägt, wie suggeriert wird.
Problem 2: Die Bestimmung ist hart
Für eine seriöse W'-Bestimmung braucht es maximale Efforts in mehreren Dauerbereichen, klassisch ein 3-min-all-out und ein 12-min-all-out. Nicht Schwellenintervalle oder Tempodauerläufe, sondern echte Maximalefforts. Die meisten Athleten absolvieren so etwas selten gezielt, und selbst wer es einmal macht, müsste es regelmäßig wiederholen, weil sich W' mit der Form ändert.
Wer keine sauberen Maximalefforts hat, bekommt aus einer linearen Regression auf nicht-maximale Daten zwar ein Ergebnis mit hohem R², also, die Formel passt zu den Daten, aber dieses Ergebnis ist mathematisches Theater, kein physiologischer Messwert. Eine Software, die in dieser Situation einfach einen Wert ausgibt, suggeriert Genauigkeit, die nicht vorhanden ist.
Problem 3: W' ist nicht zeitlich stabil
Auch korrekt bestimmtes W' schwankt mit Tagesform, Ermüdung, Glykogenstatus, Schlafqualität und Hitze. Ein Wert von vor zwei Wochen kann heute komplett daneben liegen. Damit ist die Live-W'-Balance-Anzeige, die in manchen Headunits eingeblendet wird, eine Schein-Präzision. Sie zeigt mit zwei Nachkommastellen einen Wert an, dessen Realunsicherheit zweistellig prozentual ist.
Problem 4: Die Modellvarianten widersprechen sich
Es gibt mehrere konkurrierende Berechnungsvarianten für die W'-Balance, jede mit eigener Tau-Konstante für die Wiederaufladung. Skiba 2012, Skiba differenziell, Bartram, Froncioni-Skiba-Clarke. In Vergleichsstudien differieren die Vorhersagefehler oft zwischen 20% und 40%. Welche Variante "richtig" ist, ist wissenschaftlich nicht entschieden.
Was Tredict stattdessen tut
Tredict investiert in Metriken, die für die tatsächliche Zielgruppe der Ausdauersportler handlungsrelevant sind. Dazu gehören Form und Fitness nach dem Banister-Modell mit Kompensations-Logik, individuelle Kapzitäts-Revisionen, automatische FTP/FTPa-Bestimmung aus echten Trainingsdaten, redundante Aufwandsberechnung über drei Datenquellen, programmierbare Benutzerdefinierte Felder für Athleten und Trainer, die ihre eigenen Metriken bauen wollen. In Vorbereitung sind eine verbesserte FTP/FTPa-Schätzung mit ehrlicher Konfidenzangabe sowie Decoupling- und Durability-Indikatoren, die für lange Wettkämpfe einen direkten Trainings-Hebel liefern.
Diese Größen haben einen gemeinsamen Nenner. Sie sind aus den Daten ableitbar, die Athleten ohnehin produzieren, sie sind robust gegen Datenlücken und Ausreißer, und sie geben Trainer und Athleten Antworten auf Fragen, die im Trainingsalltag tatsächlich gestellt werden.
Für alle, die es trotzdem ausprobieren wollen
Es gibt eine elegante Lösung. Golden Cheetah ist eine Open-Source-Analysesoftware, die das komplette Critical-Power-Modell inklusive W', W'-Balance, mehrerer Modellvarianten und Live-Verlauf pro Aktivität anbietet. Wer mit dem Konzept arbeiten möchte, findet dort genau das.
Ab Golden Cheetah 3.8, welches bereits jetzt über einen Snapshot-Build nutzbar ist, ist Tredict als Sync-Quelle direkt integriert, in beide Richtungen. Aktivitäten aus Tredict werden in Golden Cheetah importiert, dort analysiert und können bei Bedarf zurückgespielt werden. Damit muss niemand auf W' verzichten, der den Wert wirklich nutzen will. Tredict bleibt die Plattform für die Trainingssteuerung, Golden Cheetah ergänzt sie für die analytische Tiefe, in der W' tatsächlich sinnvoll ist.